Unanständig: Arbeitslosigkeit und Vollbeschäftigung

28. Januar 2010

…oder des Kai­sers neue Klei­der in der moder­nen Gesellschaft

Die Arbeits­lo­sen­zah­len sind jeden Monat für Mel­dun­gen gut. Und diese ritu­ell anmu­ten­den Mel­dun­gen zei­gen Wir­kung: Der, der einer unselb­stän­di­gen Arbeit nach­geht übt sich in Demut und Beschei­den­heit. Der, der eine unselb­stän­dige Arbeit sucht fühlt sich viel­leicht allein­ge­las­sen — aber nicht allein. Und der­je­nige, der nur noch kurz­ar­bei­tet freut sich, dass er nicht schon zum Mil­lio­nen­heer der Unbe­nö­tig­ten gezählt wird.

Der Unter­neh­mer hin­ge­gen bedau­ert, wenn er hoch­qua­li­fi­zierte Leute ent­las­sen muss um den maxi­mal mög­li­chen Pro­fit sicher zu stel­len, tut aber gut daran die­sem Wirt­schafts­prin­zip zu fol­gen will er sich gegen­über sei­ner Kon­kur­renz bewähren.

Was mir erscheint wie im Mär­chen von „des Kai­sers neue Klei­der“ ist der Kon­sens, als wäre die Arbeits­lo­sig­keit so etwas wie ein Aus­rut­scher in die­sem Wirt­schafts­sys­tem. So als ginge es darum — und als bestünde hierzu eine Chance — die Arbeits­lo­sig­keit zu redu­zie­ren oder zumin­dest „einzudämmen“.

In Wahr­heit ist doch sämt­li­ches Bestre­ben der Unter­neh­men — ob groß ob klein — dar­auf gerich­tet die glei­che Wert­schöp­fung mit immer weni­ger dazu nöti­ger Arbeit zu erzie­len. Jede Ver­bes­se­rung der Orga­ni­sa­ti­ons­ab­läufe, wie sie in jedem Unter­neh­men täg­lich statt fin­det, bezweckt die nötige Arbeits­leis­tung zur Erzie­lung des gewünsch­ten Ergeb­nis­ses zu redu­zie­ren oder bei glei­cher Arbeits­leis­tung ein bes­se­res Ergeb­nis zu lie­fern. Für diese „Bin­sen­wahr­heit“ muss man weder Mar­xist sein, noch Ökono­mie stu­diert haben.

Der tech­ni­sche Fort­schritt hat sich im letz­ten Jahr­zehnt vor allem in einer Pro­duk­ti­ons­au­to­ma­ti­sie­rung bemerk­bar gemacht und er wird in den nächs­ten Jah­ren in einer wei­te­ren Ablauf­op­ti­mie­rung der ver­netz­ten Geschäfts­vor­fälle über den Mit­tel­stand bis zum Klein­be­trieb noch viel Arbeit — und damit Arbeits­plätze — über­flüs­sig machen. Selbst wenn die glo­bale Nach­frage immer mehr anstei­gen würde, dann wäre eine Sta­gna­tion der Beschäf­ti­gung nur zu errei­chen, wenn der Nach­fra­ge­an­stieg grö­ßer wäre, als der Produktivitätszuwachs.

Eigent­lich wäre es über­haupt kein Pro­blem die glei­che Arbeit mit dop­pelt so vie­len Men­schen zu machen. Jeder von uns kennt ver­mut­lich Bei­spiele für der­art unor­ga­ni­sierte Betriebe, oder man denke ein­fach mal an die Zeit zurück, als man in den Büros noch mit Telex, Schreib­ma­schine und Kar­tei­kar­ten gear­bei­tet hat.
Ginge es darum Arbeits­plätze zu schaf­fen wäre es ein leich­tes den Orga­ni­sa­ti­ons­grad wie­der auf das Niveau von vor 30 Jah­ren zurück zu fah­ren. Aber jeder wird auf­schreien: „Wer soll das bezah­len?“ und damit sind wir der Wahr­heit schon ziem­lich nahe. Wir sind hier — anders als in der ehe­ma­li­gen DDR — nicht in einer Gesell­schaft, die Beschäf­ti­gung zum Ziel hat. Unter­neh­men sind markt­wirt­schaft­lich orga­ni­siert und bestrebt ihren Pro­fit zu maxi­mie­ren. Dies geht, indem sie Kos­ten sen­ken: Der größte Kos­ten­fak­tor ist der Mensch, ob als Ent­wick­ler, Inge­nieur, Hilfs­kraft oder Abteilungsleiter.

Ich kann auch nichts Schlech­tes dabei fin­den mit immer weni­ger Auf­wand die gleich guten Ergeb­nisse zu erzie­len. Der tech­ni­sche Fort­schritt per se ist kein Fluch, er ist eher ein Segen, betrach­tet man die Gesell­schaft als Gan­zes. Die ein­sei­tige Ver­tei­lung der Vor– und Nach­teile ist es, die mir zu den­ken gibt.

Wie kann es sein, dass den­noch alle Welt so tut, als ginge es in unse­rem Wirt­schafts­sys­tem um Beschäf­ti­gung?
Es scheint eine Art gesell­schaft­li­chen Kon­sens dar­über zu geben, dass es irgend­wie Unan­stän­dig ist, die Wahr­heit aus­zu­spre­chen. Jeder tut so, als ginge es um Arbeits­plätze und arbei­tet gleich­zei­tig daran Arbeits­plätze abzuschaffen.

Diese Ver­lo­gen­heit emp­finde ich als wirk­lich unan­stän­dig.

Wäre es nicht bes­ser wir wür­den uns Gedan­ken dar­über machen, wie wir den tech­ni­schen Fort­schritt nut­zen um gesell­schaft­li­che Ziele zu errei­chen, anstatt seine Opfer in unse­rem jet­zi­gen Sys­tem zu beklagen?

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